KI verändert unsere Arbeitswelt radikal – und zwar nicht nur in der Zukunft, sondern schon heute. Warum jetzt die Zeit zum Handeln ist.
Von Wiebke Apitzsch
Ja, KI wird relevante Teile von Arbeitsplätzen übernehmen. Manche Berufe werden ganz verschwinden, andere mehr oder weniger intensiv transformiert.
Wir sehen das heute schon, beispielsweise bei Callcentern. Die Agenten sind endlos geduldig, sprechen viele Sprachen fließend, bleiben dauerhaft im Unternehmen und finden Standard-Infos mühelos.
Andererseits: Die Arbeit in einem stark standardisierten Callcenter bringt oft große Herausforderungen mit sich – etwa strikte Vorgaben, wenig Gestaltungsspielraum und hohen Leistungsdruck. Viele Menschen, die dort arbeiten, leisten täglich enorm viel und zeigen dabei Geduld, Einfühlungsvermögen und Belastbarkeit. Trotzdem wünschen sich viele langfristig Tätigkeiten, die mehr Entwicklungsmöglichkeiten und menschliche Interaktion auf Augenhöhe bieten. Es ist tragisch für jede einzelne Person, die ihren Job verliert – doch insgesamt sollten wir als Gesellschaft danach streben, bessere, erfüllende Arbeitsplätze für alle zu schaffen.
Wachstumstreiber anstatt Jobkiller
Generative Künstliche Intelligenz (GenAI) wird, etwa laut McKinsey in 2023, eher die Produktivität steigern und bestehende Berufe neu gestalten, statt sie massenhaft zu eliminieren. Eine aktuelle Studie von PwC zeigt ebenfalls, dass KI insgesamt mehr Arbeitsplätze schafft als zerstört. So stellt das PwC Global AI Jobs Barometer 2025 (Juni) fest, dass in den besonders KI-exponierten Branchen von 2019 bis 2024 die Zahl der Jobs um 38 % gestiegen ist. Gleichzeitig erhöhen sich die Löhne – im Durchschnitt um bis zu 56 % für Beschäftigte mit tiefen KI-Kompetenzen.
Wichtig ist, dass wir schnell lernen, KI gezielt und sinnvoll einzusetzen. Fachkräfte mit KI-Kompetenz sind schon heute stark gefragt – und der Bedarf wird weiter steigen. Wer jetzt in Wissen und praktische Anwendung investiert, verschafft sich einen klaren Wettbewerbsvorteil.
Problematisch ist jedoch, dass Frauen GenAI-Tools bislang deutlich seltener aktiv nutzen als Männer. Laut einer TÜV-Studie verwenden bereits 60 % der Männer, aber nur 45 % der Frauen KI-Anwendungen. Eine aktuelle OECD-Studie zeigt zudem, dass weibliche Beschäftigte mit etwa 20 Prozentpunkten geringerer Wahrscheinlichkeit als ihre männlichen Kollegen im selben Beruf ChatGPT genutzt haben.
Zudem liegt das größte Potenzial für KI laut Studien in Jobs, die eine gute Ausbildung voraussetzen. Genau hier ist eine schlechtere Adaption bei Frauen besonders kritisch: Wir sind in vielen dieser Berufsfelder ohnehin unterrepräsentiert – und drohen ohne digitale Kompetenz einen weiteren Wettbewerbsnachteil zu bekommen.
Das ist ärgerlich, denn die Technologie spielt uns in vielen Bereichen eigentlich in die Karten: Soft Skills und kollaboratives Arbeiten werden durch KI noch wichtiger.
Unsere Chance den GenderGap zu verkleinern liegt darin, durch GenAI noch effizienter zu arbeiten, um dann Kompetenz in anderen Bereichen voll auszuspielen. Das sollten wir nutzen.
Erst im Tun wird das Potenzial von GenAI sichtbar
Laut dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sehen rund 94 % der Führungskräfte, die bereits KI einsetzen, konkrete Potenziale von Generativer KI (GenAI) in ihrem Bereich. Bei denen, die GenAI nicht nutzen, sind es dagegen nur 42 %.
Das zeigt: Wer sich aktiv mit GenAI beschäftigt, erkennt auch ihr Potenzial. Wer sich nicht damit befasst – häufig Frauen – läuft Gefahr, wichtige Chancen zu verpassen.
Warum so zögerlich?
Solange wir nur planen, diskutieren oder abwarten, schaffen wir keinen Wert. Der Moment, in dem man wirklich loslegt, kann beängstigend wirken – denn ab dann muss man sich festlegen. Nicht alles ist mehr möglich. Es gibt kein Zurück, nur Erfahrungen. Und ja: Der gewählte Weg kann auch mal falsch sein.
Männer sind oft risikofreudiger – und tun sich mit diesem Schritt leichter. Doch gerade bei einer so dynamischen Technologie wie KI führt kein Weg daran vorbei: Sie entwickelt sich rasant. Wer wartet oder auf Perfektion setzt, wird abgehängt.
Innovationen entstehen nicht im Kopf, sondern durch Praxis.
Mein Rat: Macht es euch nicht unnötig schwer. Fangt einfach an – und lernt unterwegs.
Hier ist ein sehr einfacher und risikoarmer Weg dahin:
Viele Themen sind kompliziert – aber nicht alle müssen es sein
Ja, es gibt Inhalte, bei denen der Einsatz von GenAI wirklich heikel ist: personenbezogene Daten, streng vertrauliche Informationen, chaotisch gepflegte interne Datensätze.
Aber: Jedes Unternehmen (wirklich jedes!) findet aus meiner Erfahrung auch eine Ecke, auf die das nicht zutrifft.
Der einfachste Startpunkt? Alles, was öffentlich auf eurer Website steht oder dorthin verlinkt ist. Das ist ohnehin bereits freigegeben und verarbeitet. Damit könnt ihr experimentieren, ohne Sorgen vor Datenschutzverstößen oder internen Freigabeschleifen.
So findet ihr euren ersten Use Case
Fragt euch: Was daran macht euch Bauchweh – oder begeistert euch?
Wo habt ihr das Gefühl: „Das würde meinen Job morgen leichter machen“, „Das geht besser“ oder „Das fehlt“?
Genau dort liegt euer Thema.
Egal ob ihr Inhalte verbessern, eine Konzeptidee ausformulieren, Texte für die Website schreiben, etwas zusammenfassen oder den Ton vereinheitlichen wollt – all das lässt sich mit GenAI heute schon sehr gut umsetzen.
Ja, am Anfang ist das Ergebnis vielleicht noch nicht perfekt. Aber die Tools werden besser – und ihr lernt mit. Wenn ihr heute mit unkritischen Daten erste Erfolge erzielt, könnt ihr morgen sicherer an komplexere Themen herangehen. Und mit konkreten Ergebnissen im Rücken auch überzeugend Budget dafür einfordern.
Drei Tools für den sofortigen Einstieg
Damit ihr nicht nur motiviert, sondern auch vorbereitet seid, hier drei Tools, mit denen ihr morgen loslegen könnt:
- Perplexity
Startet einfach, indem ihr dem Tool eure Rolle und euer Ziel beschreibt – zum Beispiel: „Ich bin … und arbeite gerade an …“ Fragt dann, welche KI-Tools euch dabei am besten unterstützen können.
Sagt ruhig dazu, dass ihr ein Kontrollfreak seid – und lasst euch Quellen und Details nennen. Ihr werdet überrascht sein, wie konkret die Antworten oft sind. Aber: Prüft sie unbedingt nach.
- ChatGPT oder Claude
Nehmt euer Thema oder Ziel – und lasst euch von der KI einen persönlichen 3-Wochen-Plan erstellen.
Von der ersten Idee bis zum fertigen Konzept: Die KI hilft euch, Schritt für Schritt vorzugehen und dranzubleiben.
Das funktioniert ein bisschen wie ein Diätplan. Gerichte mit Sellerie sortiere ich beispielsweise sofort aus. Vorschläge, die nicht zu euch passen, lasst ihr also einfach weg.
Wichtig: Macht nicht alles blind mit, was die KI vorschlägt. Lasst euch inspirieren, testet aus und kündigt jedes Test-Abo rechtzeitig, sonst wird’s schnell teuer.
- NotebookLM (oder Alternativen für Audio-Lernen)
Wer startet, muss oft viel Zeit investieren, um Hintergründe zu verstehen. Die Lesezeit ist knapp. Einfacher ist es, alle wichtigen Quellen zu sammeln. Ladet sie dann in eine Podcast-KI hoch und lasst euch die Dokumente auf angenehme Weise zusammenfassen. Hören ist oft effizienter als Lesen. Am Schreibtisch könnt ihr dann direkt ins Tun kommen oder wirklich Spannendes nochmal nachlesen.
Wichtig zum Schluss
Denkt daran: Was die KI euch nicht abnimmt, ist die Entscheidung, welches Thema ihr wählt und was genau der Inhalt sein soll.
KI kann uns vieles abnehmen – manchmal mehr, als gut für uns ist. Behaltet das kritische Denken, die Bewertung und die Richtung selbst in der Hand.
Ihr sitzt im Sattel und entscheidet, wo es langgeht und wie schnell. KI ist ein tolles Pony, mit dem ihr viel schneller und angenehmer ans Ziel kommt.
Was ihr nicht tun solltet: die KI vor den Wagen spannen, euch hinten in die Kutsche setzen und hoffen, dass ihr schon irgendwo ankommt. Das kann klappen – muss aber nicht. Laut einer MIT-Studie von Nataliya Kosmyna verlernen wir durch diese Art der GenAI-Nutzung sogar sehr schnell das Denken. Das sollten wir tunlichst vermeiden.
Fazit
Wartet nicht auf die perfekte KI-Strategie oder darauf, dass euch jemand die Angst vor Fehlern abnimmt. Fangt einfach an. Prüft das Risiko. Nutzt unkritische Daten. Und dann: Testet und lernt. Entwickelt euch und euer Team weiter. Denn am Ende gilt: Machen ist das neue Planen. Und echte Innovation entsteht nur durch Erfahrung. Außerdem macht es einfach Spaß.