Von Katrin Kilianski
Der KI-Diskurs ist laut, schnell und belohnt die, die am offensivsten auftreten. Frauen trifft das besonders: Sie nutzen KI zurückhaltender, schätzen ihre eigene Kompetenz niedriger ein und werden bei der Nutzung kritischer bewertet. Katrin Kilianski kennt dieses Muster aus ihrem eigenen Berufsleben. Als KI-Kuratorin und Gründerin der „KI Content Connection“ zeigt sie, warum der eigene Weg in die KI-Praxis mehr bringt als der Versuch, mit dem Hype mitzuhalten, und gibt konkrete Orientierung für alle, die ihren eigenen Zugang suchen.

Katrin Kilianski ist KI-Kuratorin und Expertin für Content-Workflows und Sichtbarkeit. Als Gründerin der „KI Content Connection“ zeigt sie selbstständigen Frauen, wie sie KI praxisnah und selbstbewusst in ihren Arbeitsalltag integrieren (www.katrin-kilianski.de).
Jede Woche eine neue Revolution
Du machst morgens deinen LinkedIn-Feed auf und denkst: Mist, ich hänge schon wieder hinterher. Wieder ein neues Tool, das angeblich alles verändert. Wieder jemand, der mit drei Prompts seine halbe Arbeitswoche automatisiert haben will. Und dazwischen die „Top-10-Tools“-Listen von Accounts, die mehr Zeit ins Posten als ins tatsächliche Anwenden investieren.
Wenn die KI-Debatte eines gut kann, dann ist es das: ein Gefühl der Überforderung auslösen. Für die Frage „Passt das überhaupt zu meinem Arbeitsalltag?“ bleibt in diesem Tempo kaum Platz – stattdessen geht’s um Geschwindigkeit und Effizienz.
Aus meiner täglichen Arbeit als KI-Trainerin weiß ich: Frauen trifft dieses Tempo anders. Sie schätzen ihre eigene KI-Kompetenz häufig niedriger ein, als sie tatsächlich ist. Sie nutzen KI zurückhaltender, reden weniger darüber – und wenn sie es doch tun, werden sie kritischer bewertet. Ich habe lange gedacht, das sei ein individuelles Problem. Inzwischen weiß ich: Das ist ein strukturelles Problem, ein Muster.
Lautstärke und Kompetenz: eine alte Verwechslung
Dieses Muster ist mir vertraut, aus einem ganz anderen Kontext:
„Du müsstest bestimmter auftreten.“
„Du bist zu leise.“
Ich habe diese Sätze über Jahre in meinem Berufsleben gehört. Und das nicht nur am Anfang meiner Berufslaufbahn, sondern auch später, in gehobener Position.
Mein fachliches Können hat dabei nie jemand infrage gestellt. Es ging immer um die Art, wie ich aufgetreten bin: zu zurückhaltend, zu leise – dieses Feedback habe ich übrigens vorrangig von Männern bekommen.
Und natürlich habe ich es geglaubt. Ich habe mir eine logische Kette daraus gebaut: Ich bin leise, also kann ich nicht präsentieren. Ich bin einfach nicht dafür gemacht.
Irgendwann habe ich mich dann selbstständig gemacht. Der Anpassungsdruck ist weggefallen, und das Feedback hat sich komplett gedreht: Man könne mir gut folgen. Ich erkläre verständlich. An meiner Kompetenz hat sich nichts geändert. Das Einzige, was sich geändert hatte: der Rahmen.
Heute bin ich KI-Trainerin und unterstütze selbstständige Frauen beim souveränen Umgang mit KI. Ich halte Workshops, Webinare, Trainings. Und ich habe inzwischen sogar Spaß am Präsentieren – und das sage ich als jemand, die sich früher vor Referaten und Telefonaten regelrecht gedrückt hat.
Ich nenne das „Stille Kompetenz“: die Fähigkeit, fachlich gute Arbeit zu machen, ohne laut darüber zu reden. Frauen bringen das oft mit. Sie liefern ab, leise und zuverlässig. Nur wird das in Umfeldern, die Lautstärke belohnen, viel zu selten als das anerkannt, was es ist: echte Kompetenz.
Frauen müssen dieses Spiel nicht mitspielen
Ich habe über Jahre versucht, lauter zu werden. Das hat nicht funktioniert. Was funktioniert hat: aufhören, mich zu verbiegen. Einen Weg finden, der sich richtig anfühlt. Und dann rausgehen – als die, die ich bin.
Bei meinen Kundinnen erlebe ich das genauso. Eine hat ihren kompletten Newsletter-Workflow mit Claude umgebaut und erzählt inzwischen im Netzwerk davon, ohne dass sie je „KI-Expertin“ auf ihr LinkedIn-Profil geschrieben hat. Eine andere hat monatelang still mit ChatGPT an ihren Texten gearbeitet, bevor sie überhaupt jemandem davon erzählt hat. Beide sind auf ihre Art reingekommen. Und beide reden auf ihre Art darüber.
Was das zeigt: Du musst nicht jedes Tool kennen, nicht jede Woche eine neue KI-Revolution feiern und dich nicht schlecht fühlen, weil dein Feed dir suggeriert, dass alle weiter sind als du. Es gibt einen Zugang, der zu dir passt. Und du darfst dir dafür die Zeit nehmen, die du brauchst.
So findest du deinen Zugang
Egal, ob du gerade erst anfängst oder schon länger KI nutzt: Du brauchst kein KI-Zertifikat und du musst auch kein Tech-Nerd sein, um mit KI zu arbeiten.
Hier sind ein paar Ankerpunkte:
- Ein Tool, nicht zehn: Der KI-Markt ist voll, und jede Woche kommt etwas Neues dazu. Genau deshalb lohnt es sich, bei einem Tool zu bleiben und es richtig kennenzulernen. Ich habe selbst mit ChatGPT angefangen und bin inzwischen bei Claude gelandet, vor allem für Texte und strategische Aufgaben. Entscheidend ist nicht das „perfekte“ Tool, entscheidend ist die Tiefe, in der du es nutzt.
- Dein Arbeitstag als Startpunkt: Nicht mit dem anfangen, was gerade im Feed gehyped wird – Stichwort „Agenten bauen“. Lieber mit dem, was du in deinem Alltag wirklich brauchst: einen Text entwerfen, ein Konzept strukturieren, eine Recherche anstoßen. Wenn du bei Routine-Aufgaben ansetzt, lässt sich der Mehrwert schneller erkennen.
- Eigenes Tempo, kein FOMO: Du musst nicht jede neue Funktion sofort testen. Was jedoch wichtig ist: 30–60 Minuten pro Woche als feste KI-Zeit einplanen, um Neues auszuprobieren oder zu vertiefen – und diesem Slot Priorität geben. Auch, wenn Dinge dazwischenkommen.
- Ergebnisse als Arbeitsmaterial betrachten: Was nach dem ersten Prompt rauskommt, ist ein Entwurf, kein Endprodukt. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass du es falsch machst. Das Ergebnis wird besser, je klarer du der KI sagst, was du brauchst. Zusatz-Tipp: Gute Prompts speichern und wiederverwenden: So baut sich mit der Zeit ein eigener Werkzeugkasten auf.
- Den eigenen Feed kuratieren: Wem du auf LinkedIn oder Instagram folgst, prägt dein Bild von KI. Accounts, die erklären und einordnen, helfen mehr als die mit den lautesten Hooks und Headlines. Such dir Stimmen, die zu deinem Tempo und deinem Job-Alltag passen.
- Einen geschützten Raum finden: Zusammen ausprobieren nimmt den Druck. Ob Community oder Kolleginnen-Runde: Es hilft, einen Ort zu haben, an dem man fragen darf, ohne sich blöd vorzukommen. Bei Weiterbildungen darauf achten, dass diese auf den echten Arbeitstag ausgelegt sind und Praxisanwendungen größer schreiben als die Theorie.
Wenn du das nächste Mal deinen Feed aufmachst und denkst „Mist, ich hänge hinterher“ – halte kurz inne. Die Lautstärke da draußen sagt nichts über deine Kompetenz. Du musst dieses Spiel nicht mitspielen. Fang an, in deinem Tempo und auf deine Art. Und wenn dir jemand sagt, du seist zu leise: Du bist es nicht.